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Die toten Farben

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Die toten Farben

Beitrag von Moni am Mi 11 Dez - 2:51

Die folgende Kurzgeschichte war ursprünglich für einen Wettbewerb gedacht, allerdings schien sie dort nicht besonders gut angekommen zu sein.  pale 

Die toten Farben:
Annika steht am Fenster. Hinter ihrboomt die Musik, die sie gerade aufgedreht hat. Sie hört es nicht.
Unten streiten Mama und Papa, mal wieder. Sie hört es nicht.
Draußen, unten auf der Straße, da eilen vereinzelt Menschen durch den vehementen Regen. Sie hört es nicht.
Ein paar Straßen weiter heult das Martinshorn der Stadtfeuerwehr. Sie hört es nicht.
Sie hört nichts. Nein, gar nichts. Denn sie ist nicht hier. Sie ist in einer anderen Welt, da wo alles besser ist.
Das tut sie immer. Wenn es zu viel wird. Dann flüchtet sie in diese andere Welt, in ihre ganz eigene, in der sie bestimmt was geschieht.
Da gibt es keine Angst, keinen Hass und keine Trauer. Da gibt es nur sie. Sie und das eigentlich tote Gefühl von Glück.
Zuhause ist es tot, dieses Gefühl, die bunten Farben des Lebens. Ja, sie bringen sie einfach um, die Farben. Rücksichtslos und ohne Scham, wie immer.
Doch hier, da wo sie jetzt ist, da geht es ihr gut.
Ihre Feinde, die Menschen, die sie so oft mit ihren Worten erstechen, sie sind weg. Sind sie tot? Sie weiß es nicht. Es interessiert sie auch nicht. Denn sie ist frei. Frei von allem und jedem. Und sie kann tun und lassen, was sie will. Nur sie allein hält das Zepter in der Hand.
Sie wünscht sich, dass es immer so ist. So schön, so erfüllt.
Wahr machen will sie es, morgen wird sie es tun. Alles hat sie schon geplant. Noch einmal Auf Wiedersehen sagen, so hatte sie es sich vorgenommen. Morgen, sagt sie sich. Morgen.
Sie blickt weiterhin ins Leere und lauscht den beschrifteten Papierfetzen ihres Lebens, die in ihrem Kopf vom Wind der nackten Leblosigkeit umhergetragen werden.
Es ist nicht ihre Schuld. Es ist deren Schuld, dass sie es tun muss.
Niemand hilft ihr, hört ihr zu.
Sie feiern alle lieber. Stoßen mit Sekt an und tanzen ausgelassen. Sie erfreuen sich an Dingen, die nicht lange anhalten. Auch sie sind bald da, am Rande der Erde, die Grenze vor Füßen. Und auf der anderen Seite...tja, da ist ihre Erfüllung.
Und dann wird sie sie zu sich herüberwinken. Und sie anweisen, überzutreten. Hin zu ihr. Zu ihr, die sie die ganze Zeit so verachtet haben.
Und sie werden ihr dankbar sein. Dankbar für ihr Seelenheil.
Dann endlich wird die kleine Annika ganz groß sein. Eine Heldin, eine Königin.
Sie werden sie lieben, ihr helfen, zuhören. Sie wird endlich Beachtung finden. Und Stolz fühlen.
So wird es sein, ist sie weg und die Anderen irgendwann auch da.
Morgen wird sie es tun, und niemand kann sie davon abhalten.

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